Plieningen und seine Martinskirche: Geschichte und Bauwerk

Im Jahre 1142 wird der Ort Plieningen in einer in Jerusalem ausgestellten Urkunde des Klosters Denkendorf erstmals urkundlich erwähnt.

Zweifellos ist der Ort aber älter als diese erste Nennung. Ein Anzeichen dafür ist das Patrozinium des Hl. Martin von Tours. Martin war der Schutzheilige der Franken und die Kirchen, die seinen Namen tragen, gehen häufig auf fränkische Landnahme zurück. Es ist also anzunehmen, dass an der Stelle der heutigen Kirche vorher eine nicht näher bekannte ältere Kirche stand.

Kirchenäußeres

Die Kirche liegt zwar am Rand des Ortes, ist aber dennoch sein historisches Zentrum. Sie bietet mit ihrem markanten geneigten Turm mit seiner achteckigen Haube und seinen grünglasierten Ziegeln auf dem lindenbeschatteten Mönchhof ein stimmungsvolles Bild. Nicht wenige Fremde besuchen sie wegen der bemerkenswerten romanischen Reliefplatten am Dachgesims. Nicht alle zweifelsfrei zu deuten. Hierzu gehört insbesondere die Mantelspende des Hl. Martin mit dem Stifter-Paar der Kirche Welf VI., Miterbauer der Stuttgarter Stiftskirche und Lehnsherr von Plieningen und seine Frau Uta von Calw, die Plieningen mit in die Ehe brachte, auf der Nordseite neben dem Turm. 

Schon die Außenwände des Baus lassen auf eine wechselhafte Baugeschichte schließen. Aus romanischer Zeit stammt das Kirchenschiff mit den Rundbogenfenstern und der sorgfältig gearbeitete Bogenfries, der abwechselnd von Widder- und Menschenköpfen getragen wird.

Gotischen Ursprungs sind der Chor und die angebaute Seitenkapelle (fertig gestellt  1493) mit dem Spitzbogenfenstern und deren Maßwerk. Von 1299 stammt der Turm, welcher 1443 nach einem Brand einen neuen Turmhelm erhielt.  Seit 1829 hängen drei Glocken in der Glockenstube, die älteste und größte gegossen 1582 in Esslingen. Unter dem Turm soll der Ritter Walther von Horwe ( ein verschwundener Ort bei Ruit/Ostfildern) mit seinem Sohn begraben sein, den er angeblich bei einer Sau-Jagd versehentlich getötet haben soll.

Erst 1751 wurden die scheinbar gotischen großen Fenster ins Kirchenschiff eingebaut, deren Maßwerk stammt von 1901. Die Decke mit barocken Stuckverzierungen zeigt die Wappen von Plieningen (3weiße Rosen), Württemberg ("provide et constanter" = "weise und standhaft") und des Zisterzienserklosters Bebenhausen. 1751 wurde auch die doppelstöckige Empore wegen der großen Anzahl von Gläubigen aus den Pfarrfilialen Birkach und Riedenberg eingebaut, die von außen über die sog. "Richterstaffel" (über dem Seiteneingang auf der Südseite) zugänglich war. 1901 baute man die Rundtürme für die Treppenaufgänge links und rechts des Kirchturms und ersetzte die alte Doppelempore durch die jetzt zu sehende Konstruktion.

Die romanischen Reliefs am Kirchenschiff

Menschenköpfe

Historisch bedeutsam sind die Reliefs am romanischen Schiff der Martinskirche. Hier ist zu unterscheiden zwischen den ornamentalen Figuren der Halbsäulen mit ihren Tier- und Menschenköpfen, die zeitlich baugleich mit dem Schiff anzusetzen sind und den vermutlich älteren Traufreliefs unter dem Dachgesims, die eher erzählenden als ornamentalen Charakter haben und wahrscheinlich älteren Datums sind und aus einem Vorgängerbau stammen könnten. 

Die Traufreliefs

Die geheimnisvollen Traufreliefs haben erzählenden Charakter, wobei die romanische Bilderwelt bisweilen schwer zu deuten ist. Der frühere Pfarrer an der Martinskirche Metzger hat sich hier verdient gemacht.

Hier eine Deutung der Reliefbilder nach Prälat D.  Wolfgang Metzger "Die romanischen Reliefbilder an der Plieninger Martinskirche:

Der Heilige und die Stifter

Links das Stifterpaar, in dem Welf VI und seine Frau Uta vermutet werden. Die gekreuzten Arme sind eine juristisch bedeutsame Geste: sie nehmen die Stiftung zur gesamten Hand vor, das heißt, das in die Ehe eingebrachte Heiratsgut trägt die Kosten.

Der Baubeginn

 Links ein Steinhauer mit Bossierhammer, rechts das Winkelmaß des Steinmetzen.

Der Akt der Besprengung

Links die priesterliche Christusgestalt, sie besprengt den Menschen rechts, nackt in seiner Sünde, mit einem der Ysop-Pflanze nachgebildeten Weihwedel.

Am Baum der Weisheit

Rechts steht der Mensch und greift nach des Ästen des Weisheitsbaumes. Die priesterliche Gestalt links hebt dazu segnend die Hände.

Der Mann und der Löwe

Links der auf Christus verweisende David mit dem Hirtenstecken (Ps. 23,4) in der rechten Hand, mit der linken ergreift er den Löwen bei seinem Bart. Der solchermaßen gedemütigte Löwe zieht den Schwanz ein.

Die Erweckung des Toten

Links das tote Kind der Witwe, wie aufgebahrt liegend, rechts Elia mit dem Prophetenstab, der an einer Krücke gefasst wird und damit vollmächtiges Werkzeug des Propheten ist und sicherlich keine Waffe.

Die beiden Löwen

Rechts der männliche Löwe mit aufgestelltem Schwanz, links die Löwin, deren Schwanz wie auch bei anderen Darstellungen weiblicher Löwen durch die Hinterbeine gezogen und auf den Rücken gelegt ist. Die Harmonie zwischen den Tieren zeugt gleichzeitig von Spannung, die sich noch in ihren Körpern zeigt, als seien sie eben erst zusammengekommen, und von Ruhe, wie sie sich in den aneinandergeschmiegten Köpfen ausdrückt.

Der Schuss auf den Riesenvogel

Links sehen wir deutlich den kleinen Menschen, sehr viel undeutlicher die stark verwitterte Waffe in seiner Hand, es handelt sich um Pfeil und Bogen oder möglicherweise eine Armbrust, in jedem Fall eine Waffe, die zur Vogeljagd geeignet ist. Der Mensch ist also zwar klein, aber nicht hilflos. Damit korrespondiert, dass der Vogel, der die rechten vier Fünftel des Bildes ausfüllt, zwar bedrohlich groß aber nicht aggressiv dargestellt ist.

Der Kentauer und der Mensch

Die rechts im Bild wieder durch ihren Kopfschmuck als Priester gekennzeichnete Figur stößt ein Schwert in die Brust des Kentauren, der – ebenfalls mit priesterlichem Kopfschmuck – aber durch seinen widernatürlichen Tierleib als Fehlgeleiteter, als Ketzer gekennzeichnet ist. Aber das Wort Gottes ist lebendig und kräftig und schärfer als jedes zweischneidige Schwert und dringt durch, bis es scheidet Seele und Geist, auch Mark und Bein, und ist ein Richter der Gedanken und Sinne des Herzens (Hebr. 4, 12).

Simson und der Löwe

Der rechts im Bild dargestellte Löwe wird durch seinen gespaltenen Schwanzquaste als böse gekennzeichnet, gute Tiere werden in der Romanik mit einen dreigeteilten Schwanz dargestellt. Während der Löwe in spannungsreicher Bewegung sich aufbäumt, strahlt die Simsonfigur Ruhe und Überlegenheit aus. Seine Füße gehen auf den Löwen zu, seine Hände greifen nach ihm, im nächsten Moment wird er ihn zu Boden schmettern. 

Die Sirene und die Männleinsplastik

Relativ wenig ausgestaltet nötigen sie umso mehr zur Interpretation. Beide Bilder zeigen nackte Figuren, die dem Betrachter ihre Körpermitte, ihren Schoß, den Ort ihres Geschlechts darbieten, wobei die Organe selbst nicht ausgearbeitet sind. Dennoch ist die Sirene eindeutig als weiblich, das ‚Männlein‘ als männlich auszumachen. Die Deutliche Korrespondenz zwischen den beiden Figuren und ihre fast aufdringliche Gebärde legen eine Vereinigung nahe. Die Sparsamkeit in der Ausarbeitung zeugt von einem hohen Grad an Abstraktion, es geht also nicht um einen biologischen Akt, sondern um ein universales, kosmisches Geschehen.

C. Zesch

 

Eine detaillierte Deutung der Reliefs und ihrer Anordnung auf den Seiten des Kirchenschiffs finden Sie auch in unserem Martinskirchen-Buch

Kirchen-Innenraum

Das Kircheninnere wird dominiert vom spätgotischen Kruzifixus (etwa 1520) am Altar, darüber das spätgotische Maschennetzgewölbe. Bis 1965 war der Chor mit einer barocken "Orgelempore" versehen. Unter dieser Empore war nach deren Gründung der Platz für die Kinder der Wilhelmspflege, eine Einrichtung der traditionsreichen Jugendpflege in Württemberg von 1841. Diese Empore wurde 1965 entfernt. Die Chorfenster erhielten 1965 durch W. D. Kohler eine neue Verglasung mit Szenen aus der Bibel. Die neue Orgel mit 25 Registern und 1756 Pfeifen wurde 1968 von der Firma Weigle, Echterdingen, eingebaut.

Der älteste namentlich bekannte Plieninger Pfarrer ist der "Presbyter Nordo" aus dem 12. Jahrhundert. Auf der Tafel links von der Kanzel sind die "Prediger der hiesigen Gemeinde seit der Reformation" aufgeführt, beginnend mit Martin Kraus 1535. In diesem Jahr wurde die Reformation in Plieningen eingeführt. Ein 1965 wieder freigelegtes Wandgemälde an der Südwand im Chor zeigt den Pfarrer Johann Jacob Linde (1670 - 1699 in Plieningen) mit seiner Familie. Die Schlusssteine des Chorgewölbes zeigen die Symbole der 4 Evangelisten (Matthäus: Engel - Markus: Löwe - Lukas: Stier - Johannes: Adler) sowie den Hl. Martin. Das Gewölbe ruht auf plastisch ausgestalteten Konsolsteinen: Engel mit den Marterwerkzeugen Jesu sowie den Wappen Württembergs und Bebenhausens. Besonders bemerkenswert ist der Schellennarr mit dem Dudelsack über der Sakristeitür. Das umlaufende Band zeigt die Inschrift "wer got und die Wappen recht erkent, der wird nit geschèt"(geschändet). Auf einer Konsole ist Abt des Klosters Bebenhausen, Bernhard Rockenbauch aus Magstadt dargestellt, der Auftraggeber des Chorbaus.

Die Bronzeschale auf dem spätgotischen Taufsteins wurde von Ulrich Henn gestaltet: Auf Christus in seinen Tod getauft und mit ihm begraben werden die Getauften auch mit ihm in einem neuen Leben wandeln. (Röm6, 4.)

 

Eine Zusammenstellung der Historie der Baumaßnahmen an und in der Martinskirche finden Sie hier.

Die Paramente

Das grüne Altarparament der Künstlerin Frau Dr. Waldmann Brun zeigt eine sich fast dynamisch auf grünem Grund entfaltende Vielfarbigkeit, die in ihrer Symbolik nicht mehr eindeutig ist, wie es die Vorgänger-Paramente waren, sondern in der sich die Vielfältigkeit zeitgenössischen Gemeindelebens und persönlicher Spiritualität widerspiegelt. Grün ist nicht mehr allein das Symbol für Leben und Wachstum, sondern Grünbunt wird hier zur Metapher für ganzheitliches Leben in vielfarbigen Facetten einschließlich schwarzer Kreuze für alle Unvollkommenheiten.
Deutlicher aber zeigt sich noch die Metaphorik des goldenen Quadrats inmitten des Lebens, das von unveränderlicher Treue zeugt, und das deutlich in klaren Bahnen einfallende Licht von oben, das auf einen stets offenen Himmel hinweist.

Bei Trauergottesdiensten für den nebenan gelegenen Friedhof verschleiert ein schwarzer Aufleger die Farbenvielfalt, lässt aber doch noch einiges durchscheinen; und an der Stelle des goldenen Quadrats hat der Aufleger ein passend gestaltetes Fenster, durch das sich das Gold der Ewigkeit auch angesichts des Todes ungetrübt präsent zeigt.

Das dazu passende Parament in Violett derselben Künstlerin zeigt eine ähnliche, aber deutlich gedämpftere Vielfarbigkeit. Ein Quadrat an selber Stelle wie beim grünen Parament ist in klarem Silber verwirklicht, alle anderen Farben streben in teils gegenläufigen Bewegungen von unten nach oben auf eine klare horizontale Trennlinie zu. Sie markiert die Grenze zwischen dem Hier und Dort, dem Schon-Jetzt und Noch-Nicht, zwischen Hoffnung und Erfüllung. Das violette Parament erzählt so von den Zeiten des Erwartens und unseren Begrenzungen. Auch über diese Grenze bricht ungehindert von oben das Licht in klaren Bahnen.

Diese Bahnen weißen Lichts werden an den hohen Festtagen der Weihnachts- und Osterzeit durch ein ebenfalls als Aufleger gestaltetes weißes Parament verstärkt.

Damit sprechen diese abstrakt gestalteten Paramente nicht mehr die eindeutige Sprache bekannter religiöser Symbolik mit Dornenkrone oder Christusmonogramm, sondern eröffnen ein weites Feld möglicher spiritueller Aussagen, die zu persönlicher Betrachtung und Deutung einladen.

 

C. Zesch